Die Anfänge in der Antike
Der Brauch, Bücher mit festen Deckeln zu versehen und diese künstlerisch zu schmücken, lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Bevor der Kodex – das Buch in seiner uns vertrauten Form – entstand, bewahrten die Völker des Mittelmeerraums ihr Wissen auf Schriftrollen aus Papyrus oder Pergament auf. Die Römer, Griechen und andere Kulturen verwendeten hölzerne oder mit Wachs überzogene Täfelchen, die sich mit Schnüren oder Scharnieren verbinden ließen: die Diptychen (zwei Tafeln) und Triptychen (drei Tafeln). In ihnen lassen sich bereits die Grundgedanken des späteren Bucheinbands erkennen – der Schutz des beschriebenen Materials und zugleich seine würdige, oft kunstvolle Ausstattung.
Als eigentliche Wiege der Buchbinderei gilt jedoch Ägypten. Dort entwickelten die koptischen Christen ab etwa dem 2. Jahrhundert n. Chr. die erste echte Form des Kodex. Bei dieser sogenannten koptischen Bindung wurden mehrere gefalzte Lagen aus Papyrus, Pergament oder später Papier unmittelbar miteinander vernäht – mit einer Kettenstichheftung über den Rücken, ganz ohne Bünde. Diese Technik erlaubte es, ein Buch flach aufzuschlagen und beidseitig zu beschreiben, und trug wesentlich dazu bei, dass der Kodex die Schriftrolle allmählich verdrängte. Die koptische Bindung blieb im östlichen Mittelmeerraum, im islamischen Vorderen Orient und in Nordafrika über viele Jahrhunderte in Gebrauch – in Äthiopien bis in die Neuzeit hinein.
Der kostbare Einband des Mittelalters
Im Mittelalter wurde das Buch – vor allem das liturgische Buch – zu einem Gegenstand höchster handwerklicher und künstlerischer Sorgfalt. In den Schreibstuben der Klöster entstanden Handschriften, deren Einbände über hölzernen Deckeln aus Buche oder Eiche gearbeitet wurden. Diese Holzdeckel überzog man mit Leder, das sich blindgeprägt, vergoldet oder mit Punzen verziert bearbeiten ließ.
Besonders wertvolle Bände, sogenannte Prachteinbände oder Goldschmiedeeinbände, wurden mit Goldarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, Filigran, Email und sogar Edelsteinen geschmückt. Der Einband war damit nicht bloß Schutzhülle, sondern Ausdruck des Wertes, den man dem geschriebenen Wort – und insbesondere dem heiligen Text – beimaß. Wegen der Empfindlichkeit des Pergaments, das bei Feuchtigkeit zum Wellen neigt, versah man die schweren Deckel häufig mit Schließen und Spangen, die das Buch fest zusammenhielten. Aus demselben Grund führten Buchbinder metallene Beschläge und Buckel ein, welche die Ecken und Flächen der Deckel schützten, wenn die Bände flach auf dem Lesepult lagen. Solche Beschläge blieben bei manchen Einbandformen bis ins späte 19. Jahrhundert in Gebrauch.
Die Erfindung des Buchdrucks und das Aufkommen des Gewerbes
Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern um die Mitte des 15. Jahrhunderts durch Johannes Gutenberg in Mainz veränderte sich die Lage der Buchbinder grundlegend. Solange Bücher einzeln von Hand abgeschrieben wurden, war ihre Zahl gering; nun aber konnten Druckwerke in vielen gleichen Exemplaren hergestellt werden. Der frühe Druck lieferte lediglich die losen, bedruckten Bogen – gebunden werden mussten sie nach wie vor von Hand. So entstand ein rasch wachsender Bedarf, und aus der klösterlichen Tätigkeit wurde ein eigenständiges bürgerliches Gewerbe.
Die Buchbindereien arbeiteten von nun an eng mit den Druckereien und Buchführern (Buchhändlern) zusammen. Wie in anderen Handwerken schlossen sich auch die im Buchgewerbe Tätigen zu Zünften zusammen, um Ausbildung, Qualität und Absatz zu regeln. In England etwa bestätigten der Bürgermeister und die Ratsherren von London bereits 1403 die Bildung einer Gilde der Stationers, der neben Schreibern, Illuminatoren und Buchhändlern auch die Buchbinder angehörten; mit dem königlichen Freibrief von 1557 erhielt diese Gesellschaft weitreichende Rechte über das gesamte Buchgewerbe. Die Zunft regelte den klassischen Weg vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister, der erst nach Anfertigung eines Meisterstücks eine eigene Werkstatt eröffnen durfte.
In dieser Zeit entwickelte sich das Buchbinderhandwerk zu jener Vielfalt an Techniken, die den Beruf bis heute prägen: das Heften der Lagen auf echte oder unechte Bünde, das Runden des Rückens, das Einhängen des Buchblocks in die Decke sowie die kunstvolle Vergoldung und Prägung des Leders. Auch die Werkstoffe wandelten sich – neben Leder und Pergament traten zunehmend Pappe und, im 19. Jahrhundert, das Buchbinderleinen.
Industrialisierung und Wandel des Berufs
Mit dem Aufkommen der industriellen Buchbinderei im späten 19. Jahrhundert vollzog sich der tiefgreifendste Wandel. Maschinen und Automaten übernahmen nach und nach jene Arbeitsschritte, die zuvor allein die Hand des Buchbinders geleistet hatte: das Falzen, Zusammentragen, Heften, Runden und Einhängen. Die Auflagen stiegen, die Herstellungszeiten sanken, und das Buch wurde zur erschwinglichen Massenware. Aus dem Handbuchbinder wurde vielerorts der Industriebuchbinder, dessen Aufgabe weniger im eigenhändigen Fertigen als im Einrichten und Überwachen der Maschinen bestand.
Das klassische Handwerk verschwand darüber jedoch nicht, sondern verlagerte sich auf besondere Aufgaben. Der handwerklich arbeitende Buchbinder ist heute vor allem in der Restaurierung und Erhaltung alter Bücher tätig – im Dienst von Museen, Bibliotheken, Universitäten und privaten Sammlern. Daneben findet er sein Feld als Mustermacher in der industriellen Buchbinderei, wo er die ersten Muster und Prototypen von Hand anfertigt, nach denen die Maschinen später in Serie arbeiten. Und im Bereich der Einband- und Buchkunst lebt die Jahrhunderte alte Tradition fort: als bewusst gepflegtes Handwerk, das den Einband wieder als Kunstwerk begreift, so wie es die mittelalterlichen Meister einst getan haben.